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Die politische Wende – das Ende der „Kulturrevolution“

"Zehn chaotischen Jahre" nennt die offizielle chinesische Geschichtsschreibung die Zeit zwischen 1966 und 1976. Dass Parteichef Mao Zedong selbst diese "Kulturrevolution" vom Zaun gebrochen und zu Gewalt gegen "Feinde der Revolution" aufgerufen hat, um seine Widersacher in der KP zu entmachten, wird dabei kaum erwähnt.

Mao mag tatsächlich auch an revolutionäre Ideale geglaubt haben, doch die Massenkampagne forderte Millionen Opfer: Intellektuelle, Kulturschaffende, Lehrer, einfache Bürgerinnen und Bürger, Antikommunisten genauso wie langgediente KP-Funktionäre. Sie wurden in entlegene Gebiete verbannt, erschossen und erschlagen oder von jugendlichen "Roten Garden" misshandelt.  

Erst durch den Einsatz der Armee gegen die gewalttätigen Gruppen der "Roten Garden" wird Ende der 60er Jahre mit eiserner Faust wieder "Ordnung" geschaffen. Unter dem pragmatisch orientierten Ministerpräsidenten Zhou Enlai verlässt China auch seine internationale Isolation, übernimmt 1971 den Sitz in den Vereinten Nationen und empfängt im Februar 1972 US-Präsident Richard Nixon in Peking.

1976 wird jedoch zu einem ereignisreichen Wendejahr: Im Januar stirbt der beliebte Zhou Enlai, im April kippt das traditionelle Totengedenken für ihn (Qingming 清明) zu kaum verhüllten Protesten gegen die radikalen Maoisten in der Führung. Diese lassen den 1973 teilweise rehabilitierten Reformer Deng Xiaoping neuerlich entmachten.

Doch am 9. September 1976 stirbt der seit langem kränkelnde Mao Zedong, nur vier Wochen später werden seine engsten Mitstreiter (die "Viererbande", darunter Maos Witwe Jiang Qing) verhaftet – es ist das Startsignal für eine Abkehr vom radikalen Maoismus und für eine Politik der "Reform und Öffnung", wie sie bald genannt werden sollte.  

Beim Mao-Begräbnis ist die "Viererbande" noch dabei, in den Berichten wenig später fehlt sie schon (aus zwei unterschiedlichen Ausgaben von "China im Bild", Nov. 1976)

Wandzeitung von "Li Yizhe" (Kanton, 1974)

Proteste gegen das Mao-System – Vorläufer der Demokratiebewegung

Vereinzelte Proteste gegen politische Willkür und das autokratische Mao-System gibt es schon Anfang der siebziger Jahre, etwa von Opfern der "Kulturrevolution", aber auch von ehemaligen Rotgardisten, die einen Verrat am "echten Sozialismus" und an den Idealen der Gleichheit und der Respektierung des Volkswillens empfinden.

Im südchinesischen Kanton verfasst im Sommer 1974 eine Gruppe mit dem Pseudonym "Li Yizhe" ein Manifest unter dem Titel "Demokratie und Rechtssystem im Sozialismus", das bald im ganzen Land bekannt wird. Auch in anderen Provinzen, u.a. in Jiangsu und Zhejiang, formieren sich schon früh Proteste gegen die Übergriffe der "Kulturrevolution" und des Mao-Regimes. Die meist auf Wandzeitungen geäußerte Kritik wird in der Regel schnell unterdrückt, die Autoren werden inhaftiert.

Parolen begrüßen den Beschluss über die Rückkehr Deng Xiaopings in seine Ämter (Peking, 23. Juli 1977)

Deng Xiaoping führt die Politik

1976 hat zunächst der von Mao selbst als Nachfolger vorgeschlagene Hua Guofeng die Parteispitze übernommen. Erst im Juli 1977 kehrt Deng Xiaoping in die Politik zurück, als neue mächtige "graue Eminenz" der KP, ohne selbst jemals Partei- oder Regierungschef zu werden. Auch zahlreiche andere seit der "Kulturrevolution" geächtete Funktionäre werden rehabilitiert.

Auf einer ZK-Konferenz Ende 1978 ("3. Plenum des elften Zentralkomitees der KP Chinas") initiiert Deng Xiaoping einen ehrgeizigen Reformkurs, der zunächst auf eine wirtschaftliche Erneuerung durch marktwirtschaftliche Elemente, mehr lokale Eigenverantwortung und eine Öffnung zum Weltmarkt zielt. Doch auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen soll Pragmatismus die maoistisch-marxistischen Dogmen aufweichen: "Egal ob die Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache sie fängt Mäuse", lautet ein berühmter Satz von Deng.

 

 


Schrift:

Die chinesische Demokratiebewegung 1978-1981 – Erinnerungen der damaligen Akteure

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