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Die chinesische Demokratiebewegung 1978-1981

"Mauer der Demokratie" (Peking, Juni 1979)

Beginn und Ausbreitung der Demokratiebewegung

Als im Zuge der Reform-Konferenz des KP-Zentralkomitees im November und Dezember 1978 ("Drittes Plenum") die ersten Informationen über geplante wirtschaftliche Reformen durchsickern, löst das im ganzen Land eine ungeahnte Euphorie aus. Schon im Vorfeld war in einigen Provinzen landwirtschaftlicher Boden schon von den ehemaligen "Volkskommunen" an einzelne Bauern verteilt worden, damit sie wieder in Eigenverantwortung ihre Produkte anbauen und vermarkten können. Bei vielen Funktionären und Intellektuellen, aber auch einfachen Bürgerinnen und Bürgern, hoffte man auch auf eine politische Erneuerung in vielen gesellschaftlichen Bereichen: Kultur, Medien, Bildungswesen, Nationalitäten- und Religionspolitik, persönliche Freiheiten im Alltag.

Es waren Verfolgte der Mao-Ära, die von den Behörden in Peking ihre Rehabilitierung forderten, die als erste auch Forderungen nach Menschenrechten und politischer Demokratie erhoben. Viele dieser sogenannten "Beschwerdeführer" schrieben "Wandzeitungen" (oder "Dazibao" - "Zeitungen mit großen Schriftzeichen", d.h. handbeschriebene Papierbögen, die an einem öffentlichen Ort aufgehängt wurden), um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Neben vielen sehr persönlichen Klagen und Abrechnungen fanden sich immer wieder auch politische Manifeste, die weit über die unmittelbaren Anliegen der "Beschwerdeführer" hinausgingen.

In Peking gab es bald mehrere Orte im Zentrum, die dafür beliebt waren, an den Außenmauern des alten Kaiserpalastes, wo auch die Regierung und die Parteiführung ihren Sitz haben, in der Einkaufsstraße Wangfujing (王府井), wo sich die Redaktion des KP-Zentralorgans "Volkszeitung" befand, und an einen mehrere hundert Meter langen Ziegelmauer eines Busdepots an der äußerst belebten Xidan-Kreuzung. "Mauer der Demokratie" nannte man bald diesen Ort, an dem die Menschen auch debattierten und Aktivisten die im Zuge der Bewegung gegründeten neuen unabhängigen Publikationen verkauften, die mit einfachen Mitteln hergestellten "Zeitschriften des Volkes", wie sie sich nannten.  

Demonstrierende Menschenmassen auf dem "Platz der Volkes" in Shanghai, Ende der 1970er-Jahre
Unabhängige Zeitschriften, Anfang 1979

Hauptstadt und Provinz

In mehreren Dutzend anderen Städten - Shanghai, Qingdao, Tianjin, Kanton, Wuhan - folgte man bald dem Beispiel Pekings, gründete Zeitschriften und "Mauern der Demokratie", wo man Wandzeitungen anbrachte und über die politische Entwicklung debattierte. Eine der ersten Gruppen aus der Provinz, die nach Peking reisten, waren vier junge Künstler aus der südwestlichen Provinz Guizhou. Sie nannten sich "Gesellschaft für Aufklärung" (Qimeng She 启蒙社) und veröffentlichten schon Ende 1978 in Peking ein politisches Manifest.

Politische Freiheiten und "Demokratisierung" (auch wenn die meisten Vorstellungen davon noch nicht sehr konkret waren) standen im Mittelpunkt der Forderungen der Wandzeitungen und neuen Zeitschriften, und schon Anfang 1979 sprach man von der "Demokratiebewegung" und vom "Pekinger Frühling", bewusst in Anlehnung an die Reformbewegung der tschechoslowakischen Kommunisten im Jahr 1968, den "Prager Frühling". Eine der neuen Zeitschriften hatten den Titel "Beijing zhi chun" (北京之春) gewählt und auf dem Titelblatt auch den englischen Namen "Spring of Peking" hinzugefügt. Man wusste jedenfalls Bescheid über die Dissidenten und Bürgerrechtsbewegungen in Osteuropa, Lech Walesa und seine Gewerkschaft "Solidarnosc", aber auch die kommunistischen Reformer in Ungarn oder das (idealisierte) Modell des jugoslawischen Selbstverwaltungs-Sozialismus inspirierten die Bewegung in China. 

Kandidatenbefragung für die Wahlen an der Peking-Universität (Nov. 1980)

Kurzlebiger Pluralismus

Zeitschriften und Demokratiemauer erlebten in den folgenden Monaten ein Auf und Ab, die Parteiführung in Peking schien anfänglich unentschlossen. Vieles wurde geduldet, manches untersagt, einzelne Aktivisten wurden schon in den ersten Wochen verhaftet, andere blieben unbehelligt.

Einen weiteren Höhepunkt erlebte die Bewegung jedenfalls im November 1980, als im Zuge eines neuen Wahlgesetzes lokale "Volkskongresse" direkt und unter Teilnahme konkurrierender Kandidaten gewählt werden durften. An mehreren Universitäten, aber vor allem an der "Peking-Universität", entfalteten sich regelrechte Wahlkämpfe, bei denen neuerlich die Themen der Demokratiebewegung - bürgerliche Freiheiten, politischer Pluralismus, eine Neubewertung Mao Zedongs - im Mittelpunkt standen. Den Sitz in der Volksvertretung des Stadtbezirks Haidian gewinnt der junge Bürgerrechtler Hu Ping.

Skulptur "Kette" von Wang Keping aus der Avantgarde-Ausstellung "Die Sterne"

Künstler und Schriftsteller

Auch unabhängige Kulturschaffende sympathisierten mit der Bewegung und gaben eigene Zeitschriften heraus, die einflussreichste war "Heute" (Jintian 今天,engl. The Moment/Today), aus der später eine ganze Reihe auch international prominenter Schriftsteller und Künstler hervorgingen. Etwa dreißig Avantgarde-Künstler - Maler und Bildhauer - organisierten sich in der Gruppe "Die Sterne" (Xingxing 星星). Am Anfang stellten sie gezwungenermaßen unter freiem Himmel aus. Im Herbst 1979 erkämpften sie zusammen mit den politischen Aktivisten der Demokratiebewegung das Recht auf eine unabhängige Ausstellung, nachdem eine erste Genehmigung wieder zurückgezogen worden war. Die Werke der Gruppe waren vielfältig, fast alle signalisierten eine Abkehr vom "sozialistischen Realismus" und den maoistischen Kulturdogmen. Vor allem die Skulpturen des Holzbildhauers Wang Keping waren auch als politische Provokationen gedacht.


Schrift:

Die chinesische Demokratiebewegung 1978-1981 – Erinnerungen der damaligen Akteure

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