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Die Mitglieder der "Gesellschaft für Aufklärung" in Peking (Ende 1978, 2. v. li.: Huang Xiang)

Künstler aus der fernen Provinz

In den letzten Monaten des Jahrs 1978 taten sich in Guiyang (Provinz Guizhou im Südwesten Chinas) junge Kulturschaffende und gesellschaftlich Interessierte zusammen, um eine "Gesellschaft für Aufklärung" (Qimeng She 启蒙社) zu gründen, ganz im Sinne des rational begründeten Fortschrittsdenkens im Europa des 17. Und 18. Jahrhunderts, auf das sich auch Karl Marx und Friedrich Engels berufen hatten. Es waren ein paar Dutzend Leute – zum Teil ehemalige Rotgardisten, zum Teil auch Opfer politischer Verfolgung vor und während der "Kulturrevolution" – in Guizhou, die sich mehr oder weniger mit dieser Debattiergruppe verbunden sahen. 

Einige von ihnen setzen sich im Spätherbst 1978 in den Zug, um nach Peking zu fahren und dort den immer deutlicheren Signalen eines politischen und gesellschaftlichen Umbruchs in China nachzugehen. Am 11. Oktober publizierten sie die erste Nummer der ersten "unabhängigen" Zeitschrift, die sie – nicht verwunderlich – "Aufklärung" (Qimeng) nannten. Sie beinhaltete vor allem den Text mehrerer Gedichte mit dem Titel "Zwischen Feuer und Göttern" (火神交响诗).

Der Autor, eine der zentralen Persönlichkeiten der "Gesellschaft für Aufklärung", ist der 1941 geborene Huang Xiang (黄翔), der aus politischen Gründen schon mehrmals im Gefängnis war. Am 24. November lässt er an einer 60 Meter langen Mauer am Tian’anmen-Platz seine Gedichte anbringen. In einer Einleitung fordert Li Jiahua (李家华), ebenfalls Aktivist der "Gesellschaft", ein Ende von "tausenden Jahren patriarchalischer Herrschaft" und die Einhaltung der verfassungsmäßig verbrieften Rechte der Bürger. In Sichtweite des gerade eröffneten Mao-Mausoleums wird die Pekinger Zweigstelle der "Gesellschaft für Aufklärung" formell ins Leben gerufen.

Als einer der ersten attackiert Huang Xiang öffentlich Mao ("30 Prozent gut, 70 Prozent schlecht") und verlangt eine "Neubewertung der Kulturrevolution". Im Januar fordert die Gruppe in einem Offenen Brief an US-Präsident Jimmy Carter die USA und den Westen auf, ein stärkeres Augenmerk auf die Einhaltung der Menschenrechte in China zu haben.

Wandzeitungen in Guiyang (Provinz Guizhou, 1978/9)

Reaktion aus Peking

Die "Gesellschaft für Aufklärung" gilt wegen ihrer frühzeitigen Aktivitäten als Mitbegründer der Demokratiebewegung und auch der "Mauer der Demokratie" in Peking. In den späteren Monaten spielte die Gruppe kaum mehr eine Rolle, ein Teil spaltete sich wegen persönlicher Differenzen unter dem Namen "Gesellschaft für Tauwetter" (Jiedong She 解冻社; in Anlehnung an die Bezeichnung für die Entstalinisierungs-Periode in der Sowjetunion Mitte der 1950er Jahre) ab und gab weiter auch eine Zeitschrift mit dem Namen "Tauwetter" heraus.

Die politisch Verantwortlichen in Peking interessieren sich durchaus für diese frühen Aktivisten der Demokratiebewegung. Anfang 1979 werden Zhou Xiuqiang (周修强) und Wang Yong‘an (王永安),  zwei Journalisten der "Volkszeitung", nach Guizhou geschickt, um Gespräche mit den Aktivisten zu führen und darüber einen internen Bericht zu verfassen, durch den führende Parteikader zwar durchaus kritisch, aber ausführlich und sachlich, über die Hintergründe der "Gesellschaft für Aufklärung" informiert werden. 2012 ist dieser Bericht im Internet aufgetaucht und somit (auf Chinesisch) allgemein verfügbar.

In Guizhou wird die Gruppe im März 1979 festgenommen, wieder freigelassen und nochmals verhaftet. Erst Jahre später kommen alle wieder aus dem Gefängnis, 1997 geht Huang Xiang ins Exil in die Vereinigten Staaten von Amerika.  


Schrift:

Die chinesische Demokratiebewegung 1978-1981 – Erinnerungen der damaligen Akteure

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