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Publikationen und Medien in China

Als die Demokratiebewegung im Herbst 1978 mit ihren kritischen Wandzeitungen und Zeitschriften und den Aktivitäten unabhängiger Künstler und Autoren begann, war in den "offiziellen" chinesischen Medien (wie dem KP-Zentraloregan "Volkszeitung" oder den großen Regionalzeitungen) nichts darüber zu lesen. Die Zeitungen und Zeitschriften unterstanden damals allesamt noch der KP Chinas und ihrer "Propaganda-Abteilung" bzw. den von Staat und Partei geführten "Massenorganisationen" wie der Jugendliga oder der den Künstler- und Autorenverbänden.

Parallel zu den öffentlich verbreiteten Printmedien existierte in China allerdings (so wie auch in anderen kommunistischen Staaten) ein kompliziertes Netz "interner" (neibu 内部) Publikationen, die nur für einen kleineren oder größeren Kreis ausgewählter Funktionäre oder sonst wie qualifizierter Empfänger zugänglich waren (und immer noch sind). In solchen Publikationen wurde sehr wohl auch über Aktivitäten des "Pekinger Frühling" und regimekritische Tendenzen berichtet, abgestuft nach der Exklusivität des jeweiligen Leserkreises, d.h. höchste Partei- und Staatsfunktionäre erfuhren natürlich mehr als die Masse kleinerer Basisfunktionäre.

Auf diesen Printerzeugnissen war auch oft eine Vertraulichkeitsstufe angegeben, von "Interne Publikation - sorgfältig aufbewahren" (für Massenerzeugnisse mit großer Auflage) bis zu "geheim" (jimi 机密) und "streng geheim" (juemi 绝密), wobei der Übergang vom periodisch erscheinenden Massenmedium zu einem partei- oder behördeninternen Dokument oft fließend ist.

Die größte dieser internen Publikationen sind die "Referenz-Nachrichten" (Cankao Xiaoxi 参考消息), eine täglich erscheinende kleinformatige Zeitung mit einer Auflage von zeitweise 10 Millionen Exemplaren, in der (meist stark gekürzte und redigierte) Auszüge aus internationalen Medien gebracht werden. Funktionäre, Parteimitglieder und andere interessierte Personen durften diese Zeitung mit entsprechender Genehmigung abonnieren, für Ausländer war sie ausdrücklich verboten. Heute ist sie übrigens frei erhältlich.

Die "Referenz-Nachrichten" druckten Berichte internationaler Medien nach, in denen gelegentlich auch die kritischen Wandzeitungen, die "Mauer der Demokratie" oder die chinesische "Demokratiebewegung" Erwähnung fanden. Immer wieder finden sich auch Hinweise und Details über die Dissidenten-Bewegung in den kommunistischen Staaten Osteuropas (die man in China damals als Opposition gegen den sowjetischen "Sozialimperialismus" interpretierte), z.B. auch auf die unabhängige polnische Gewerkschaft "Solidarnosc" oder die "Charta77" in der damaligen Tschechoslowakei.

Aus den wenigen im Ausland bekannt gewordenen Exemplaren von restriktiveren internen Medien (z.B. einigen Nummern der "Lage-Zusammenfassung" oder einer von der "Chinesischen Jugendzeitung" publizierten vertraulichen Zeitschrift "Die Lage der Jugendbewegung") lässt sich ersehen, dass höhere Funktionäre sehr wohl über Details der Demokratiebewegung gut informiert waren, dass manchmal sogar die Absicht erkennbar ist, unter dem Deckmantel kritischer Berichte auch die oft sehr weit gehenden Ideen der Reformbefürworter zu verbreiten.

In den offiziellen und öffentlichen Zeitungen und Zeitschriften wie der "Volkszeitung" (Renmin Ribao 人民日报) finden kritische Wandzeitungen und die Demokratiebewegung nur eine kurze Zeitlang Erwähnung, nachdem sich der Parteiführer Deng Xiaoping (formal damals nur Stellvertretender Ministerpräsident und KP-Generalsekretär, aber de facto der mächtigste Politiker) im November 1978 in mehreren Gesprächen mit ausländischen Politikern und Journalisten positiv über die Duldung kritischer Meinungen und Wandzeitungen geäußert hat.

Auch im Zuge der Freilassung und Rehabilitierung der Li-Yizhe-Gruppe in Kanton (Guangzhou) Anfang 1979 werden in den Medien deren Ideen von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit positiv dargestellt, Kritik an den Exzessen der "Kulturrevolution" und der Mao-Ära wird auch in der Parteipresse Raum gegeben. Die Wahlbewegung an den Hochschulen im November 1980 wird in den offiziellen Medien hingegen nicht mehr erwähnt.

In weiterer Folge (etwa ab März 1979) berichten die regulären Medien überhaupt nur mehr wenig (und wenn, dann kritisch-negativ) über die Demokratiebewegung. So wird die Festnahme von Aktivisten kurz vermerkt, auch Gerichtsprozesse und Urteile (etwa gegen Fu Yuehua oder Wei Jingsheng) werden in propagandistischer Weise aufgegriffen. Ebenso erwähnt in den Zeitungen werden die Dekrete und Anordnungen der Behörden, die Wandzeitungen reglementieren oder regimekritische Aktivitäten untersagen, offenbar bewusst nicht allzu ausführlich, um in der Bevölkerung keine Debatten oder Gegenreaktionen auszulösen.

Über Literaten und die Avantgardekunst-Bewegung gibt es zumindest ein begrenztes Maß an Berichterstattung, kaum in der Tagespresse zwar, aber doch in etwas ausführlicheren Artikeln in der Kunstzeitschrift "Meishu" und in einigen anderen Magazinen. Dabei stehen die neuen Kunsttrends im Mittelpunkt, ohne den politischen Kontext (z.B. die Verbindungen zu den Aktivisten des "Pekinger Frühling" oder die gemeinsame Demonstration für politische und künstlerische Freiheit am 1. Oktober 1979) zu erwähnen.

Broschüre über die "Sterne"-Gruppe (Changsha)
Artikel über Ma Desheng in der "Chinesischen Jugendzeitung" (22.11.1984, S.4)

All dies gilt auch für Buchpublikationen und wissenschaftliche Arbeiten über Zeit- oder Kunstgeschichte. Über chinesische Avantgardekunst oder die neuen literarischen Strömungen. die aus der unabhängigen Zeitschrift "Jintian" (Today) kamen, kann in den 1980er-Jahren durchaus berichtet werden. Immer wieder erscheinen Artikel über einzelne Künstler wie Ma Desheng, Huang Rui oder Wang Keping, wobei auch hier der politische Kontext ausgespart bleiben muss. Als Buch (oder eher dünne Broschüre) erschien in der Provinz Hunan die einzige Monografie über die "Sterne"-Gruppe (Yi Dan: Xingxing lishi. Changsha 2002), sonst bleibt es bei kurzen Erwähnungen in verschiedenen Anthologien.

An der Peking-Universität produzierte Originalausgabe über die Wahlbewegung 1980 und die Hongkonger Druckversion

Schon 1981 gibt es an der Peking-Universität an der Abteilung für Geschichte den Versuch, eine zusammenfassende Darstellung und Materialiensammlung über die pluralistische Wahlbewegung 1980 zu veröffentlichen, was aber von der Universitätsleitung unterbunden wird. Es bleibt bei einer in kleiner Auflage vervielfältigten Broschüre, die dann 1990 von den beiden erfolgreichen Kandidaten Hu Ping und Wang Juntao unter dem Titel "Kaituo - Bei Da Xue Yun Wen Xian" (Preparing the ground – contributing to the students‘ movement at Peking University) in Hongkong als Buch publiziert wird.

"Die siebziger Jahre" (Hongkonger Ausgabe der "Oxford University Press")
Diese Seiten fehlten in der Pekinger Ausgabe des "Sanlian Shudian", sie waren offenbar der Zensur zum Opfer gefallen.

Auch in den 2000er-Jahren ist es praktisch unmöglich, in China über die politische Bewegung des "Pekinger Frühling" zu publizieren oder an öffentlichen Institution zu forschen. Ein anschauliches Beispiel ist ein 2008 u.a. vom Schriftsteller Bei Dao im Pekinger "Sanlian Shudian"-Verlag herausgegebener Erinnerungsband an die 1970er-Jahre, in der ein Beitrag des Malers Yan Li nur stark zensuriert abgedruckt ist, während in einer parallel erschienenen Hongkonger Ausgabe (Oxford University Press) des gleichen Buches ausführlich und auch mit Fotos die schon erwähnte Demonstration am 1. Oktober 1979 beschrieben wird.

"Die Ära Deng Xiaoping" von Yang Jisheng, ein Unterkapitel befasst sich mit der Pekinger "Mauer der Demokratie")

Dennoch gibt es einige Versuche in China, die Zeit des "Pekinger Frühling" aufzuarbeiten und zu dokumentieren. Doch selbst in großen zeitgeschichtlichen Überblicken wird die damalige Demokratiebewegung höchsten kurz gestreift, meistens völlig ausgespart. Der bekannte Historiker und Journalist Yang Jisheng (杨继绳) etwa hat zwar in seinem chinesischsprachigen Werk "Die Ära Deng Xiaopings", die im Verlag "Zhongyang  Bianyi Chubanshe" erschienen ist (Peking 1998), sechs Seiten lang in sachlicher Sprache die Wandzeitungen, die "Mauer der Demokratie", die unabhängigen Zeitschriften oder die Kritik an Mao beschrieben. In späteren Auflagen, so Yang in einem persönlichen Gespräch, wurde u.a. dieses Kapitel stark zensuriert.  

Die meisten einschlägigen Bücher von Autoren vom Festland können allerdings nur in Hongkong oder Taiwan verlegt werde, sie sind in der Volksrepublik China nicht erhältlich und werden auch immer wieder vom chinesischen Zoll beschlagnahmt.

Wichtige Arbeiten dazu hat vor allem der (2015 leider früh verstorbene) Aktivist Chen Ziming geleistet, der Dokumente und Erinnerungen über die Tiananmen-Bewegung von 1976 und die Wahl-Auseinandersetzungen an den Hochschulen im Jahr 1980 zusammengetragen und (in Hongkong) publiziert hat wie etwa die zwei Bände von "Xianzheng de mengya. 1980 nian jingxuan yundong (Emerging constitutionalism. The election campaign of 1980, Hongkong 2013.)

In Hongkong ist 2010 auch ein Buch von Li Zhengtian über die Geschichte der Li-Yizhe-Gruppe in Kanton erschienen (The Quest for Democracy/Li Yizhe shijian. Wenge zhong yichang cong xia er shang de minzhu yu fazhi de suqiu/The case of Li Yizhe. A grass-root demand for democracy and legality during the Cultural revolution).

An der Peking-Universität hat der Historiker Yin Hongbiao über die intellektuellen Strömungen unter chinesischen Jugendlichen während und nach der "Kulturrevolution" geforscht, auch seine Monografie "Shizongzhe de zuji. Wenhua Da Geming qijian de qingnian sichao (Footprints of the missing ones. Ideas from the youth during the Great Cultural Revolution), konnte nur in Hongkong (2009) gedruckt werden. Zeitgeschichtliche Forschungen direkt zur Demokratiebewegung waren ihm an seiner Universität nicht möglich.

Chen Zimings Publikation über die Wahlbewegung 1980
"Der Fall Li Yizhe" (Hongkong, herausgegeben von Li Zhengtian)
Yin Hongbiaos Studie über die Ideengeschichte der chinesischen Jugend bis 1976 (verlegt in Hongkong)

Nur im Bereich der Avantgardekunst und -literatur war in China eine gewisse Aufarbeitung möglich. U.a. hat der Maler Huang Rui Material zusammengetragen, 2015 (?) gab es in einem privaten Museum beim Künstlerbezirk "798" in Peking eine umfassende Retrospektive zu den "Sterne"-Ausstellungen mehr als 35 Jahre zuvor: Dabei wurden nicht nur Kunstwerke, sondern auch Ausgaben der Zeitschrift "Jintian" (Today), Fotos und Dokumentarfilm-Szenen von damals (einschließlich der umstrittenen politischen Aktivitäten) gezeigt.


Schrift:

Die chinesische Demokratiebewegung 1978-1981 – Erinnerungen der damaligen Akteure

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