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Peking, Ende März 1979

Auch diese Schwarzweißfotos stammen vom französischen Sinologen Alain Peyraube:

"Ein Brief an den Genossen Peng Zhen vom Nationalen Rechtskomitee und an Zhao Cangbi, den Minister für Öffentliche Sicherheit"

"Die für öffentliche Sicherheit zuständigen Stellen müssen gemäß der Verfassung und der staatlichen Bestimmungen über Festnahmen und Inhaftierung handeln und Fu Yuehua unverzüglich freilassen". Dabei handelt es sich um jene Frau, die Ende 1978, Anfang 1979 in Peking Proteste der sogenannten "Beschwerdeführer" organisiert hatte und deshalb Mitte Januar verhaftet wurde.

Diese Verhaftung sei "illegal", heißt es in der (nicht ganz vollständigen) Wandzeitung, die laut Text von "Familienangehörigen von Fu Yuehua" verfasst wurde. Die Verhaftung sei nicht nach der gesetzlich vorgeschriebenen Anordnung eines Gerichtes oder Staatsanwaltes erfolgt, sondern nach weiter nicht nachvollziehbaren "internen Verfahrensregeln".

Zwei kurze Notizen über bzw. unter der Wandzeitung illustrieren ein klein wenig das Umfeld dieser spontanen Wandzeitungsbewegung: Oben steht "Schließen Sie Ihre Fahrräder ab, bevor Sie die Wandzeitungen lesen!", in einer zweiten Notiz heißt es: "Bitte überkleben Sie die Wandzeitung nicht, bis zum 4. April hängen lassen."

"Mein Offener Brief an den Stellvertretenden Vorsitzenden Chen Yun" (22. März 1979)

... vor Li Jinglian (李景亮), 43 Jahre alt, aus der Stadt Yuncheng (运城) in Shanxi. Seine Geschichte beginnt 1948, als seine Familie (und damit auch er selbst, damals 13 Jahre alt) zu "Großgrundbesitzern" erklärt wurden, was ihn immer wieder zum Opfer von politischer Willkür machte. 1956 habe man ihn des Getreidediebstahls bezichtigt, obwohl er gar nicht vor Ort war, 1969 in der "Kulturrevolution" wurde er deshalb vor eine Kritikversammlung gezerrt. 1975 gab es wieder ein "Problem", er wandte sich an die offizielle Beschwerdestelle, wurde geprügelt und verhaftet. Als er "Lang lebe der Vorsitzende Mao" und "Lang lebe die Kommunistische Partei" rief, legte man ihm für 24 Tage Handschellen an und hielt ihm neuerlich die alten Geschichten vor. 1978 musste er in einem Straßenbautrupp unbezahlte Arbeit leisten. Jetzt fordert er in dieser Wandzeitung eine erneute Untersuchung und Überprüfung des Umgangs mit ihm.

"Mein vierter Offener Brief an den Vorsitzenden des Zentralkomitees der Partei, Hua, und den Vizevorsitzenden Deng" (26. März 1979)

Li Chunshan, ebenfalls aus Yuncheng (Shanxi), beschwert sich über einen gewissen Liu Wenxian, dessen Familie angeblich vor 1949 für die Guomindang (Nationalpartei) gearbeitet hat. 1962 solle er Geld für Düngemittel unterschlagen haben, Li hat in damals angezeigt, später wollte sich Liu Wenxian an Li und seiner Familie rächen, indem er sie Anfang der 70er Jahre (Kulturrevolution!) verfolgen ließ. Li hat sich seither vielfach - bisher erfolglos - bei den Behörden beklagt: Er konnte nicht in seine Heimat, konnte daher keine Familie gründen, kein Haus bauen. Seit Juli 1978 hat er 103 Mal bei den Behörden vorgesprochen, vier kleine und vier großformatige Proteste öffentlich aufgeklebt - ohne Lösung für seine Probleme.

"Rettet unsere Fabrik!!!" (13. März 1979)

Es geht um einen Betrieb für Kunsthandwerk in Qingdao (Provinz Shandong), der Autor ist Sun Weibang (Pseudonym: Sun Feng), ein prominenter Regimekritiker und Herausgeber der Zeitschrift "Gischtblumen" (Hailanghua) in Qingdao. Sun beklagt eine aufgeblasene Belegschaft, von 1966 bis 1979 habe sich die Zahl der Arbeiter von rund 200 auf 522 mehr als verdoppelt, die Zahl der Funktionäre sei sogar noch stärker gewachsen (von 20 auf fast 80), während die Produktion stagnierte. Die Fabriksleitung sei unfähig, die Zeitungen sollten kommen und sich das einmal ansehen... 

"Beschwerde an den Vorsitzenden Hua" (18. März 1979)

 

"Der jüngste Fall von Unrecht" (19. März 1979)

"Jia Xiao beschuldigt den 'Lin-Biao-Kurs' in der Luftwaffe der blutigen Verwüstung"

Jia Xiao, so heißt die Frau, über die diese Wandzeitung erzählt (von ihr selbst geschrieben?), war in einer von der Luftwaffe in der Stadt Guiyang betriebene  "7.-Mai-Kaderschule" (das waren während der "Kulturrevolution" halboffenen Arbeitslager, in denen missliebige Funktionäre "umerzogen" werden sollten). Diese Einrichtung sei eine politische Basis der Anhänger Lin Biaos (Lin Biao war Maos Stellvertreter, bevor er 1971 nach einem Umsturzversuch ums Leben kam). Verdiente Funktionäre, sogar ehemalige Kämpfer der Roten Armee, würden dort als Konterrevolutionäre verunglimpft.

Jia Xiao wurde beschuldigt, "Feindradio" gehört zu haben und eine Spionin zu sein. Sie weigerte sich aber, ein vorformuliertes Geständnis vorzulesen. Man hat sie gefesselt, geschlagen, gefoltert. Als sie nach einer "illegalen Affäre" schwanger war, habe man sie geschlagen, das Baby wurde zwangsweise abgetrieben.

"Protokoll der Nachforschungen im Fall Fu Yuehua durch Vertreter verschiedener Pekinger Zeitschriften und Organisationen des Volkes"

Wei Jingsheng und weitere Demokratie-Aktivisten suchten am 15. März 1979 Verantwortliche des "Gongdelin"-Polizeigefängnisses auf, um Nachforschungen über die Festnahme von Fu Yuehua anzustellen. (Die Aktivistin hatte im Ende 1978/Anfang 1979 Protestmärsche von "Beschwerdeführern" organisiert und wurde Mitte Januar verhaftet). Wei Jingsheng hatte speziell für dieses Treffen vom französischen Sinologen (und Botschaftsmitarbeiter) Emmanuel Bellefroid ein Tonbandgerät erworben, um dieses Gespräch aufzuzeichnen und zu publizieren.

"Demokratie oder eine neue Diktatur"

Das Foto zeigt die erste Seite der berühmten Wandzeitung von Wei Jingsheng, die nur wenige Tage zuvor erstmals an der Pekinger "Mauer der Demokratie" und in der Zeitschrift "Tansuo" (Erkundungen) veröffentlicht wurde. Aufgrund dieses Textes, der u.a. Deng Xiaoping vorwarf, ein "Diktator wie Mao" zu sein, wurde Wei am 29. März verhaftet und später zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.

"Demokratie und Diktatur" - "Menschenrechte und Gesetz"

Der Autor dieser Wandzeitung spricht sich gegen die Demokratiebewegung aus. Es gebe im Sozialismus immer noch Klassenfeinde und Leute, die den Sozialismus zerstören wollen - für die könne es keine Demokratie geben, sondern nur "Diktatur", um das Volk vor seinen Feinden zu schützen. Daher brauche es in der Gesellschaft sowohl "Demokratie" (für die einen) als auch "Diktatur" (für die anderen). Auch den "Menschenrechten" seien durch das Gesetz und die Prinzipien Grenzen gesetzt, sie könnten nur gelten, wenn sie die Interessen von anderen und des Kollektivs nicht verletzen. 

Lesen Sie bitte: "Über Demokratie, Prinzipien, Gesetze und Politik"!!!

Die "Beschwerdeführer", denen vor 10 oder 15 Jahren Unrecht angetan wurde, haben jetzt den Eindruck, dass sie, je mehr sie sich beklagen, desto mehr neue Probleme bekommen. Sie sollen nicht demonstrieren, keine Wandzeitungen schreiben, es bleibe nur das Wort "sterben". Herr Gao, der Autor, hat 1964 offenbar aus politischen Gründen seine Arbeit verloren. Seit 15 Jahren bemüht er sich um Rehabilitierung. Er sagt, er war zehn Monate eingesperrt, wurde zwanzig Mal physisch misshandelt, ist seither behindert. Die Beamten, die seinen Fall bearbeitet haben, seien allesamt "Anhänger der Viererbande", wollten nichts tun, spielten seinen Fall herunter, sagten immer, sie könnten leider nichts machen. Nach 1976 hätten sie ihn nochmals für zwanzig Monate ins Gefängnis gesteckt. ... Aber die Geschichte werde eine Antwort geben. Jemand hat unter die Wandzeitung eine Anmerkung hinzugefügt (ein Mao-Zitat): "Es gibt tausend komplizierte Gründe, aber am Ende läuft es auf eines hinaus: Rebellion ist gerechtfertigt".


Schrift:

Die chinesische Demokratiebewegung 1978-1981 – Erinnerungen der damaligen Akteure

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