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Wang Juntao

Wang Juntao (2013)

... kam 1958 in Peking zur Welt. 1978 wurde er zum Studium der Technischen Physik an der Peking-Universität zugelassen, später in den USA absolvierte er ein Masterstudium an der Harvard-Universität und promivierte zum PhD in Vergleichender Politikwissenschaft an der Columbia-Universität in New York.

In China wurde Wang im April 1976 als 17-jähriger Mittelschüler erstmals verhaftet, weil er die Teilnahme von Mitschülern an den Protesten auf dem Tiananmen-Platz zum gedenken an den verstorbenen Ministerpräsidenten Zhou Enlai organisiert hatte. Weil er selbst auf dem Platz vier kritische Gedichte verbreitet hatte, wurde Wang beschuldigt, "Organisator hinter den Kulissen und Anstifter eines konterrevolutionären Zwischenfalls" sowie Autor "reaktionärer Lyrik" zu sein. Wang blieb bis November im Polizeigefängnis des Haidian-Stadtbezirks (wo sich auch das Universitätsviertel befindet) in Gewahrsam.

Später, mit Beginn der Reformpolitik unter Deng Xiaoping, änderte sich auch die offizielle Bewertung der Tiananmen-Ereignisse von 1976 in Positive: Wang Juntao galt plötzlich als "Held", Ende 1978 wurde er als Ersatzkandidat in das Zentralkomitee des Kommunistischen Jugendverbandes aufgenommen.

Wang sympathierte auch mit der Demokratiebewegung und wurde 1979 Mitherausgeber der unabhängigen Zeitschrift "Beijing zhi Chun" (Pekinger Frühling). 1980 nahm er aktiv an der Wahlkampagne an der Peking-Universität teil. Als einer von drei Kandidaten erreichte er im offiziellen Wahlgang den zweiten Platz, weil er aber etwas weniger als 50 Prozent der Stimmen erhalten hatte, galt er nicht als gewählter Abgeordneter.

Weil sich Wang Juntao 1989 in der Studentenbewegung auf dem Tiananmen-Platz engagiert hatte, wurde er der "konterrevolutionären Agitation" beschuldigt und 1990 erneut verhaftet. Zusammen mit Chen Ziming wurde Wang zu 13 Jahren Haft verurteilt. Aus "medizinische Gründen" erlaubte man ihm 1994 die Ausreise, vom Gefängnis wurde er direkt auf den Pekinger Flughafen gebracht, um ein Flugzeug Richtung USA zu besteigen.

2010 wurde Wang einer der Vorsitzenden des Nationalkomitees der Damokratischen Partei Chinas (einer von mehreren Exil-Fraktionen). Heute lebt Wang Juntao  im Bundesstaat New Jersey.

 

 

Interview mit Wang Juntao (am 30. Mai 2014 im Asiatic Hotel in Flushing, New York)

Hier finden Sie den chinesischen Text des Interviews

Wichtige Passagen des Interviews auf deutsch:

Wang Juntao über seine Begegnungen mit ranghohen KP-Politikern:

Ich habe ein Mal mit Hu Qiaomu gesprochen, er war ziemlich übel. Als ich in seiner Wohnung mit ihm redete und sagte, man müsse die Korruption ausmerzen, meinte er: "Korruption hat es in allen Dynastien gegeben, die wird man nicht beseitigen können, das braucht man auch nicht." ...

Ich mochte und schätzte Hu Yaobang sehr. Nach chinesischen politischen Standards war er noch nicht sehr reif, es war für seine politischen Gegner leicht ihn zu attackieren. Ich glaube, Deng Xiaoping wollte ihn fördern und unterstützen, aber mir fiel auf, dass er ihn nicht leicht kontrollieren konnte, weil er zu offen redete. ... Wir haben mehrere Stunden miteinander gesprochen. Ursprünglich waren 15 bis 30 Minuten für unser Gespräch vorgesehen. Nachher gefiel ihm die Konversation so sehr, dass daraus mehrere Stunden wurden. Er sagte, dass er an dem Tag wegen Zahnschmerzen zuhause blieb, ich glaube, dass er daheim geblieben und nicht ins Büro gegangen war, weil er in Wirklichkeit mit uns reden wollte. Vor Beginn traf ich seinen Sekretär, ich hatte mich als Vize-Chefredakteur der Zeitschrift "Pekinger Frühling" angemeldet, aber der Sekretär meinte: "Das ist vielleicht nicht so passend. Nennen wir es so, es ist ein Gespräch zwischen der älteren und der jüngeren Generation." So ging ich dann hinein. Wir haben über vieles geredet, kurz gefasst habe ich gesagt, dass ich hoffte, dass China Reformen durchführt, dass es keine politische Verfolgung mehr gebe, dass es nie mehr zur Zeit der Kulturrevolution zurückkehre. ...

Ich habe ganz klar gesagt, dass ich gegen die Inhaftierung von Wei Jingsheng war. Hu Yaobang hat mir dazu keine Antwort gegeben. Er hat einen Bericht des Parteikomitees der Provinz Guizhou hervorgezogen und gesagt: "Schauen Sie, das Provinzkomitee von Guizhou hat die Festnahme von Huang Xiang von der "Gesellschaft für Aufklärung" veranlasst und ihn dann aus humanitären Überlegungen wieder freigelassen. Ich bin dafür, dass man Probleme auf diese Weise löst. Er sei gegen politische Verfolgung. Ich meinte dann: "Sie müssen politische Reformen machen." Er darauf: "Ich möchte Reformen, so sehr dass sogar mein Zahn schmerzt, und ich nicht schlafen kann, weil ich ständig überlege, wie China reformiert werden soll. Aber Reformen sind nicht so einfach wie junge Leute wie Sie sich das vorstellen. ...

Später sagte er noch zu mir: "Ihr jungen Leute habt drei Vorteile: Erstens, Ihr habt Ideale; zweitens, Ihr seit gut gebildet; und drittens, Ihr besitzt die Leidenschaft und Energie, um Dinge auch umzusetzen. Aber Ihr habt auch zwei Nachteile, erstens Ihr seid nicht realistisch, Ihr geht nicht von den Realitäten aus, wenn Ihr überlegt was zu tun ist, Ihr meint nur, so oder so muss man das machen; zum zweiten, seid Ihr zu ungeduldig und besorgt." Er meinte, vieles werde aus solcher Sorge heraus oft schlecht gemacht. Das Gespräch mit Hu Yaobang machte damals großen Eindruck auf mich. Ein Grund, warum ich mich sehr lange nicht gegen die Kommunistische Partei gestellt habe, war dass es innerhalb der Partei Reformer wie Hu Yaobang gab. ...


Schrift:

Die chinesische Demokratiebewegung 1978-1981 – Erinnerungen der damaligen Akteure

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